Unsere Freunde, die Bakterien

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Als Feinde kennt sie jeder.

Mit nichts kann man die Menschen mehr in Angst und Schrecken versetzen als mit der Bedrohung durch eine Infektionskrankheit oder gar eine Seuche.

Das Wort Bakterien löst bei vielen Panik aus. Sofort wird geputzt und desinfiziert, was das Zeug hält. Alles muss steril werden. Keimfrei ist die Devise.

Mit dem Wort Infektion endet bei den meisten Menschen die Fähigkeit zu kritischem Denken. Es muss umgehend gehandelt werden. Antibiotika müssen her. Fragen werden ab sofort keine mehr gestellt. Alternativen gibt es nicht, und Nebenwirkungen sind kein Thema. Der Hund muss alles über sich ergehen lassen.

Diese Vorstellung von Bakterien ist in den meisten Menschen tief verankert.

Ohne Bakterien kein Leben

Was wäre denn, wenn es keine Bakterien gäbe? Die Antwort ist ganz einfach: Es gäbe kein Leben auf unserer Erde, denn Bakterien standen am Anfang des Lebens, aus ihnen haben sich alle anderen Lebewesen entwickelt.

Was geht mich das denn heute an, das ist doch lange her“, könnte jemand einwenden, „Bakterien richten doch nur noch Schaden an“.

Genau da liegt das Problem. Bakterien sind so winzig klein, dass niemand sie sehen kann. Teilen Sie einen Millimeter in tausend Teile. So groß wie eines dieser Teile sind Bakterien.

Bakterien leben überall, wirklich überall: In der Tiefsee und im Hochgebirge, in kochendem Wasser und im Eis, in Salzseen, Schwefelquellen und Öllachen, in Säuren und Basen, ja selbst in Felsen 1000 m unter der Erde, auch in der Stratosphäre, wahrscheinlich sogar im All. Vielleicht sind sie auch von dort gekommen. Keine noch so extremen Bedingungen verhindern ihre Anwesenheit, und sie finden überall passende Lebensbedingungen.

Legte man alle Lebewesen dieser Erde auf eine Wagschale, vom Wal angefangen bis zum Regenwurm und vom Mammutbaum bis zum Gänseblümchen und auf die andere Schale alle Bakterien dieser Erde, so würde diese Schale krachend herunterfallen.

Mehr Bakterien als der Körper Zellen hat

Bakterien besiedeln alle Lebensräume und alle Lebewesen. Jedes Lebewesen ist ein Biotop, ein „Mutterboden“ für Bakterien: Sie und ich und jeder Hund.

Man schätzt, dass ein Mensch oder Hund aus vielleicht 10 Billionen Zellen besteht, aber von 10 mal bis 100 mal mehr Bakterien besiedelt ist, außen und innen.

Hätten wir Mikroskopaugen, wir sähen fast nur noch Bakterien. Sie sind es, die den Kreislauf des Lebens in Gang halten. Sie sind es, die es uns, allen Pflanzen und Tieren, auch unseren Hunden, überhaupt erst ermöglichen zu leben, zu ernähren und gesund zu bleiben.

Die Darmflora – Billionen Bakterien

Heute soll es um einen kleinen, aber sehr wichtigen Bereich gehen, die Darmflora, auf die so wenig Rücksicht genommen wird, und die so oft und häufig unnötig gequält und geschädigt wird.

Erinnern Sie sich an die Volksweisheit: Im Darm steckt der Tod. Und ich ergänze: Aus dem Darm kommt das Leben. Schauen wir uns doch mal den Darm etwas genauer an.

Der Darm ist kein Kanalisations-Rohr mit glatten Wänden.

Er ist vielfach gefältelt, wodurch eine riesige Oberfläche entsteht. Die Falten nennt man Darmzotten. Hier enden Blut- und Lymphgefäße, die Nährstoffe und Wasser aufnehmen. Die Schleimhautfläche ist riesig groß, sie beträgt mehrere hundert Quadratmeter. Die braucht der Hund, damit alle benötigten Stoffe schnell und in der richtigen Menge ins Innere des Körpers gelangen können. Sie ist bei den meisten Rassen größer als die des Wolfes, was wohl mit der suboptimalen, man kann auch sagen, schlechteren Ernährung zusammenhängt.

Auch der umgekehrte Weg, vom Körperinneren in das Darmlumen hinein, ist möglich. Immunglobuline, besser bekannt als Antikörper, gelangen in den Darm. Es sind vor allem die des Typs A. Sie spielen bei Neugeborenen eine besonders wichtige Rolle. Auch Wasser kann auf diesem Wege in den Darm sickern, das ist eine Ursache für Durchfälle unter mehreren anderen.

Auf dieser riesigen Schleimhautfläche leben nun Bakterien, die wir als Darmflora bezeichnen. Sie leben dort dicht an dicht, und es sind Billionen, eine Zahl mit 12 Nullen.

Wie kommen die dahin?

Die Besiedlung des Darms

In der Gebärmutter, also in der Fruchtblase, lebt das Junge noch steril. Der Darm ist also bakterienfrei. Erst wenn die Fruchtblase platzt oder von der Mutter aufgerissen wird, gelangen Bakterien auf die Schleimhäute des Neugeborenen und vom Mäulchen über den Magen hinein in den Darm. Diese Erstbesiedelung der Darmschleimhaut entscheidet über die Vitalität des Hundes ein Leben lang.

Gesunde Mütter, haben in ihrem Geburtskanal eine ausgewogene Schleimhautflora, die aus vielen verschiedenen Bakterienarten zusammengesetzt ist; mehrere hundert dürften es wohl sein.

Wenn die Mütter ihre Jungen belecken, werden diese Keime übertragen. Im Magen gibt es noch keine Magensäure, die Bakterien töten könnten. So gelangen Milliarden und aber Milliarden Bakterien der Mutter ungehindert in den Darm des Welpen, wo sie schnell ihren richtigen Platz finden, sich vermehren und in wenigen Stunden die gesamte Verdauungsschleimhaut besiedelt haben. Hunderte verschiedene Bakterienarten sind daran beteiligt.

Diese Darmbesiedlung ist typisch für dieses eine Individuum, und man vermutet, dass sie es ein Leben lang bleibt. Deshalb wird es auch kaum etwas nützen, irgendwelche Bakterien von einigen wenigen Arten zuzufüttern, um damit eine zerstörte Darmflora wieder aufzubauen. Dafür ist dann der Kot des Nachbarhundes oder der frische Pferdapfel weitaus besser geeignet.

Voraussetzung für die Konstanz der Besiedlung ist allerdings, dass sie nicht durch äußere Umstände gestört oder zerstört wird, z.B. falsche Fütterung oder Antibiotika.

Die Besiedlung der Darmschleimhaut läuft so ab: Die Bakterien sind ausgestattet mit sog. Fimbrien, die man sich wie kleine Händchen vorstellen kann. Damit tasten sie die Oberfläche der Schleimhautzellen ab, suchen und finden dort die passenden Andockstellen und halten sich fest.

Das wird ihr Stammplatz, den sie verteidigen und nicht mehr freigeben. Die unerwünschten, gefährlichen Bakterien versuchen dasselbe. Ist die Schleimhautflora aber erst einmal geschlossen dicht besiedelt, haben Krankheitserreger keine Chance.

Deshalb ist es überlebenswichtig, dass nur die erwünschten und ungefährlichen Darmbakterien diese Abermilliarden Plätze im Welpendarm belegen, und das möglichst sofort und schnell und für immer. Die angesiedelten Bakterien verteidigen ihren Platz gegen jeden Angreifer hartnäckig, wenn nötig, auch mit Giftstoffen.

Aber nicht nur die Schleimhaut selbst, jeder Bereich des Darms, auch der Nahrungsbrei in der Mitte des Darmlumens ist voller Bakterien. Es ist ein gewaltiges Gewusel.

Darmbakterien bilden ein eigenes Organ

Die vielen verschiedenen Bakterienarten leben in enger Gemeinschaft, unterstützen sich gegenseitig, aber sie erfüllen ganz unterschiedliche Aufgaben. Im Darminneren, also im Nahrungsbrei, stehen sie nur in lockerem Kontakt zum Wirtsorganismus, helfen z.B. beim Aufschließen der Nahrung und produzieren lebenswichtige Vitamine. Diese Bakterien verdauen auch Gemüse und Kräuter. Näher zur Schleimhaut hin wird die Beziehung zum Wirt immer enger, hier nehmen die Bewachungs- und Schutzaufgaben zu, bis endlich sogar Bakterien mit den Schleimhautzellen verwachsen.

Richtig verstehen kann man diese Lebensgemeinschaft von Wirt und Bakterien eigentlich nur, wenn man diese gewaltige Masse von lebendigen Zellen, die Darmflora, als ein riesiges Organ betrachtet, größer als jedes andere Organ des Körpers, das sich zwar außerhalb des Körpers befindet, aber unauflöslich zu ihm gehört, genauso wie auch die Leber, und das genauso komplex arbeit, wenn es auch aus fremden beweglichen Organismen gebildet wird. Die Vorstellung „außen“ fällt manchem nicht leicht. Aber der Inhalt des Darms ist außen, er befindet sich eben nicht im Körper selbst.

Der Darm ist für Bakterien ein Schlaraffenland

Er bietet ihnen Wärme, Sicherheit und Nahrung, mithin optimale Lebensbedingungen. Und das danken sie dem Wirt und revanchieren sich, indem sie den Hund vor krankmachenden Organismen schützen, ihm beim Aufschließen der Nahrung helfen und ihm Vitamine und andere Vitalstoffe liefern.

So arbeiten Hund und Bakterien im gegenseitigen Interesse. Die Gesundheit der Darmflora bedingt die Gesundheit des Hundes und umgekehrt. Beide sind lebenslang voneinander abhängig, sie bilden eine Symbiose.

In dieses Schlaraffenland hagelt es oft rein, und fast immer sind wir Menschen dafür verantwortlich. Übermäßige Anteile an Stärke und Zucker, Umweltgifte, Chemikalien als Futterzusätze, gehärtete und ranzige Fette, Pilzgifte, die über Getreide ins Futter gelangen, auch Insektizide, Herbizide, Fungizide, mit denen die Getreide behandelt wurden, dann Desinfektionsmittel und ganz besonders Antibiotika, die oft mit allzu leichter Hand verabreicht werden!

Das kann die Darmflora nicht verkraften, sie gerät durcheinander, oft wird sie sogar vernichtet.

Die Störung der Darmflora führt zu Krankheiten

Viele Bakterien sind Nahrungsspezialisten. Bekommen sie das falsche Futter, müssen sie hungern oder sogar verhungern. Dann verschiebt sich die Bakterienverteilung der Darmflora. So geschieht es, wenn das Futter zu einseitig ist oder nicht artgerecht zusammengestellt, z.B. mit zuviel Stärke.

Es kann dann zu Fäulnisprozessen kommen und durch die Toxine der Fäulnisbakterien, die ins Blut des Hundes gelangen, zu gefährlichen Vergiftungen, Schwächung des Immunsystem, Schädigung der Leber und viele andere Störungen.

Häufig vermehren sich Kolibakterien, die zwar zur Normalflora gehören und eigentlich ungefährlich und sogar lebenswichtig sind, rasend schnell und verdrängen andere Arten. So wird das Gleichgewicht gestört, und eine Folge ist Durchfall.

Mit diesem Kenntnissen ausgestattet könnte man ja nun einem Durchfall begegnen und zuerst einmal die Fütterung ändern. Aber Durchfall provoziert anscheinend fast immer den Einsatz von Antibiotika, was dann zu einer weiteren Störung der Darmflora und der Darmtätigkeit führt.

Antibiotika ja, aber mit Vorsicht

Vor dem Einsatz eines Antibiotikums sollte unbedingt eine genaue Bestimmung der zu bekämpfenden Bakterienart stehen und ein Resistenztest. Das ist zwar anfangs teurer als der direkte Einsatz des Mittels, ist aber der Gesundheit des Hundes zuträglicher und letztlich auch billiger. Mit einem falschen Mittel löst man eine Reaktionskette aus, die nicht nur der Gesundheit des Hundes, sondern auch dem Portemonnaie schweren Schaden zufügen wird.

Was kann denn passieren?

Breitbandantibiotika sorgen für Kahlschlag, egal ob es sich um gute oder gefährliche Bakterien handelt, sie unterscheiden nicht und sind eine beliebte Methode. Andere Mittel haben gefährliche Nebenwirkungen, auf die niemand hinweist, so mögliche Sehnen- und Bänderrisse. Gegen andere sind die Krankheitserreger vielleicht resistent. Dann wird es besonders „lustig“, denn dann würden viele andere gutartige und nicht resistente Bakterien vernichtet, also große Teile der Darmflora, und gerade die gefährlichen blieben lebendig. Die könnten sich nun ungehemmt vermehren. Was dann? Na, ganz einfach: Es wird das nächste Antibiotikum ausprobiert.

Resistenz kann übertragen werden

Auch dies sollten Sie wissen: Resistente Bakterien haben ein oder mehrere Resistenzgene in ihrem DNS-Bestand, mit dem sie andere, noch nicht resistente Bakterien, seien es erwünschte oder gefährliche, infizieren können. Das geschieht im Darm, aber auch von Hund zu Hund, oder von Mensch zu Hund und umgekehrt. Die resistenten Bakterien geben dann dieses Erbgut, verpackt in kleinen DNS-Päckchen, die sog. Plasmide, weiter.

Hierin liegt eine besondere Gefahr. Denn irgendwann wird man vielleicht dieses spezielle Antibiotikum für einen anderen Hund oder sich selbst einmal brauchen, um das Leben zu retten. Es wird dann nicht mehr wirken.

Hätten alle diese Erkenntnis nicht zu großer Zurückhaltung beim Einsatz von Antibiotika führen müssen? Weit gefehlt. Die eingesetzten Mengen im Tierbereich waren nie höher als heute und sie steigen weiter an. Ich denke, viele von Ihnen können ein Lied davon singen.

Pilze lieben Antibiotika

Da gibt es noch einen weiteren wichtigen Zusammenhang, den man wissen muss.

Werden durch Antibiotika große Flächen des Darms bakterienfrei, können sich Pilze, die allgegenwärtig sind und von den Antibiotika unbehelligt bleiben, sehr schnell vermehren und ausbreiten. Den einmal eroberten Platz geben sie auch nicht so leicht wieder frei. Werden die Pilze dann auch noch mit viel Stärke gefüttert, wie dies häufig geschieht, z.B. durch die berühmte Mixtur aus „Huhn oder Lamm mit Reis“, wird man sie auch mit Antimykotika kaum mehr los. Ist eine Antipilzkur aber einigermaßen erfolgreich, vermehren sich anschließend an erster Stelle wieder die Kolibakterien und übernehmen die Herrschaft. Das kennen sie ja schon, es wurde oben beschrieben. Und wie geht man gegen Kolibakterien vor? Mit Fütterungsänderung? Nein, meisten mit Antibiotika. Und so schließt sich dann der Kreis zu einem Teufelskreis, aus dem Hund und Halter oft jahrelang oder gar nicht mehr herausfinden.

Der bessere Ratgeber ist die Natur, die sollte man in jedem Falle zurate ziehen, denn die Natur weiß den Weg.

Ich wünsche Ihnen fröhliche Hunde mit einer gesunden Verdauung.

 

Literaturverzeichnis:

  • Exzentriker des Lebens“, Michael Groß, Spektrum Akademischer Verlag, 1997
  • Verkannt und heimtückisch – Die ungebrochene Macht der Seuchen“, C. Eberhardt-Metzger/Renate Ries, Birkhäuser, 1996
  • Am anderen Ende des Mikroskops“, Spektrum Akademischer Verlag, 2002
  • Ökosystem Darm“, J. Bockmühl et. al., Springer Verlag, 1993
  • Parasite Rex“, Carl Zimmer, Arrow Books, 2000
  • Krieg in unserem Körper”, Hrsg: Gabriele Kautzmann, Gabi Miketta, Zabert Sandmann Verlag, 1998
  • Allgemeine Mikrobiologie“, Hans G. Schlegel, Thieme Verlag, 1985
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