Ist Barfen wirklich so kompliziert?

Nicht-Barfer argumentieren – neben vielen anderen Vorurteilen – oftmals mit den Worten „...Das ist mir alles viel zu kompliziert, da muss man ja viel zu viel beachten...“. Doch ist das wirklich so? Ist Barfen wirklich so kompliziert oder machen wir es uns oftmals nur viel zu kompliziert?

Nur einmal Wolf sein Nur einmal Wolf sein © MuTiG GbR

Wenn man sich – aus welchen Gründen auch immer – für die Rohfütterung seiner Hunde, Katzen oder Frettchen interessiert wird man in den wenigsten Fällen einfach so drauflos barfen wollen. Man wird sich informieren wollen über diese Art der Fütterung und was liegt da näher als das Internet zu Rate zu ziehen, neben den mittlerweile doch recht zahlreichen Büchern zum Thema.

Prinzipiell sind diese Medien auch jedem Interessierten sehr zu empfehlen. Findet man doch relativ schnell zahlreiche Informationen, Meinungen und Anregungen. Doch gerade diese Vielfalt hat auch ihre Tücken. Auf vielen Internetseiten, in Foren und Mailinglisten werden die Vor- und Nachteile einzelner Rohfütterungsvarianten verglichen, auseinandergepflückt und teilweise ziemlich heftig diskutiert. Bedarfswerte der Tiere und die Inhaltsstoffe der Rationen werden aufs Milligramm, teilweise sogar aufs Mikrogramm genau berechnet. Von Feinwaagen ist die Rede, von den verschiedensten Vitamin- und Mineralstoffmischungen, die dringendst benötigt würden und von weiteren, teilweise relativ teuren, Anschaffungen, die natürlich auch unbedingt getätigt werden müssten. Es werden Bedarfswertetabellen und Lebensmitteldatenbanken gewälzt,  verglichen, diskutiert und zum A & O der Rohfütterung erhoben. Einzelne Futtermittelbestandteile werden auseinandergepflückt, diskutiert und wieder in Frage gestellt. Dinge, welche die Mehrheit der „Barfer in Spe“ eher abschreckt, als ihnen ein solide Grundlage zu geben.

All diese Dinge können Sie jedoch getrost vergessen, die Rohfütterung ist bei weitem nicht so kompliziert, wie sie von vielen Menschen empfunden und teilweise auch dargestellt wird. Es werden weder teure Anschaffungen fällig, noch müssen Sie jede Ration bis ins kleinste planen, berechnen und abwiegen. Im Grunde genommen ist die Rohfütterung nicht komplizierter als die Verfütterung eines beliebigen industriellen Fertigfutters, wenn Sie die wichtigsten Grundlagen der Ernährung der jeweiligen Tierart kennen, einige Grundsätze der Rohfütterung beachten und vor allem abwechslungsreich füttern.

Teure Anschaffungen

Alles, was Sie für den Start benötigen, haben Sie in aller Regel schon zu Hause in Ihrer Küche. Da wären Messer und Schneidunterlagen zum Zerkleinern des Fleisches, große Schüsseln zum Anmischen der Rationen, eine Küchenwaage zum Abwiegen, kleine Schüsseln oder Tüten zum Einfrieren der einzelnen Portionen usw. Zusätzliche Anschaffungen sind erst dann nötig, wenn Sie überzeugt sind und beim Barfen bleiben möchten. Dann kann es sich lohnen, ein paar extra Dinge anzuschaffen, wie beispielsweise einen extra Satz scharfe Messer allein für die Futterzubereitung. Ein Muß ist es aber noch lange nicht.

Das Thema Feinwaagen wird auch immer wieder gerne diskutiert. Ganz ehrlich, Sie benötigen keine! Kein Wolf, keine Wildkatze wird ihr Futter auf das Milligramm genau abwiegen. Und auch wir Menschen tun dies nicht. Was nützt es auch? Wir können die Rationen auf´s Milligramm genau auf den Bedarf unserer Katze oder unseres Hundes ausrichten und zusammenstellen. Aber schauen Sie sich anschliessend doch bitte einmal Ihre Arbeitsmaterielien an. Da kleben Reste am Messer, an der Schüssel, am Löffel, ja selbst an der Feinwaage. Auch im Napf bleiben nach der Fütterung kleinste Reste. Und schon ist die ganze Berechnung hinüber. Halter von mehrere Tieren dürften es ohnehin schwer haben zu kontrollieren, wer wieviel wovon wirklich frisst.

Auch ist es nicht notwendig, jeden Tag den exakten Bedarf zu füttern. Im Gegenteil, eine Streuung der Zusammensetzung in einem gewissen Rahmen beschäftigt das Immunsystem und stärkt es somit. Haben Sie beispielsweise an einem Tag aufgrund von Knochenfütterung einen erhöhten Calciumwert in der Ration, können Sie diesen einige Tage später wieder ausgleichen. Der Organismus hat vielfältigste Mechanismen entwickelt derartige Schwankungen zu tolerieren und auszugleichen. Wichtig ist jedoch ein Ausgleich über einen gewissen Zeitraum von beispielsweise drei oder vier Wochen. Aber auch hier reicht eine grobe Berechnung im Grammbereich in der Regel aus.

Vitamin- und Mineralstoffmischungen, erst recht wenn diese aus dem Humanbereich kommen, werden nicht benötigt. Alle für unsere Tiere erforderlichen Nährstoffe finden Sie im Fleisch, den Innereien und sonstigen Bestandteilen einer ausgewogenen und vor allem abwechslungsreichen Ration. Ausnahmen aufgrund therapeutischer Maßnahmen sind hier natürlich möglich.

Bedarfswertetabellen

Bedarfswertetabellen sind ausschliesslich zur ungefähren Orientierung über die benötigten Nährstoffe geeignet. Verstehen Sie diese also bitte nur als ganz grobe Richtschnur. Zu mehr taugen sie nicht! Schon allein deshalb, weil Ihnen niemand garantieren wird und kann, dass diese Werte richtig sind. Die Bedingungen (Labor, Transpirationskammer), unter denen diese Bedarfswerte ermittelt werden, sind nicht wirklich vergleichbar mit den realen Bedingungen, unter denen unsere Tiere oder auch ihre wilden Verwandten leben.

Desweiteren ist der tatsächliche Bedarf Ihres Tieres von unzähligen Faktoren abhängig. Da wären, um nur eine kleine Auswahl zu nennen: Alter, Aktivität, Rasse, Fellänge und Klima. All diese Faktoren beeinflussen den Bedarf Ihres Tieres an Nährstoffen derart, dass praktisch jedes Tier einen individuellen Bedarf an Nährstoffen hat.

Wenn Sie ein wenig suchen, werden Sie zudem die unterschiedlichsten Bedarfswertetabellen finden. Diese weichen teilweise gravierend voneinander ab. Ursächlich hierfür sind unterschiedliche Bedingungen, unter denen diese Bedarfswerte ermittelt wurden, aber auch ein unterschiedlicher wissenschaftlicher Kenntnisstand zur Zeit der Ermittlung. Nichtsdestotrotz können Sie unter oben genannten Voraussetzungen jede dieser Tabellen verwenden. Keine ist richtiger oder falscher als die andere.

Lebensmitteldatenbanken

Für die Lebensmitteldatenbanken trifft – grob gesagt – das Gleiche zu, wie für die  Bedarfswertetabellen. Auch sie taugen letztendlich ausschliesslich als grobe Richtlinie zur Beurteilung der Nährstoffzusammensetzung eines Rationsbestandteiles.

Vergleicht man die unterschiedlichen Lebensmitteldatenbanken miteinander, findet man Abweichungen von bis zu 300%. Ursächlich hierfür sind unter anderem eine unterschiedliche Stichprobenanzahl, unterschiedliche Testmethoden, aber auch unterschiedliche Fütterungsmethoden, Haltungsbedingungen und Rassen der fleischliefernden Tiere, die für die Tests heran gezogen wurden.

Unterschiedliche Methoden der Rohfütterung

Beinahe fanatisch werden die Diskussionen, wenn es um die unterschiedlichen Methoden der Rohfütterung geht. Rohfütterung mit oder ohne Knochen, Rohfütterung mit oder ohne Getreide oder Gemüse, Rohfütterung mit diesem oder jenem Fleischanteil, Rohfütterung nach diesem oder jenem „Guru“, usw. Letztendlich ist aber jede dieser Methoden falsch, wenn sie nicht passt. Und passen muss sie – zum Tier und zum Tierhalter.

Schauen Sie sich einfach einmal die einzelnen Methoden an und überlegen Sie, welche zu Ihnen und Ihrem Tier passt. Auch eine Mischung aus unterschiedlichen Methoden kann letztendlich die Methode der Wahl sein.  Es wird Ihnen keine Freude bereiten und Ihrem Tier wird es nicht gut tun, wenn Sie beispielsweise Knochen füttern, obwohl Sie selbst größere Bedenken dabei haben. Dabei ist es unerheblich, ob diese Bedenken begründet sind oder nicht. Entscheidend ist Ihre Unsicherheit, die sich letztendlich auch auf Ihr Tier überträgt. Ebenso umgekehrt. Es bringt nichts, wenn Sie absolut überzeugt von der Knochenfütterung sind, Ihr Hund diese aber nicht verträgt.

Einfach anfangen

Als verantwortungsbewußter Tierhalter sollten Sie sich mit den Bedürfnissen Ihres Haustieres möglichst schon vor dessen Anschaffung auseinandersetzen. Dies betrifft, neben der Haltung und dem Verhalten, in besonderem Maße auch die Ernährung – unabhängig davon, ob ich Sie nun Ihr Tier roh ernähren wollen oder nicht. Haben Sie sich also mit diesen Dingen auseinandergesetzt, so fangen Sie einfach an.

Sie benötigten dazu weder einen ausgearbeiteten Futterplan, noch irgendwelche Bedarfswertetabellen oder Lebensmitteldatenbanken. Was Sie allerdings benötigten, ist gesunder Menschenverstand, ein wenig des eben erwähnten Grundwissens und eine gute Beobachtungsgabe.

Der gesunde Menschenverstand sagt Ihnen, dass ein Karnivore in der Hauptsache Fleisch und andere tierische Produkte frisst. Also kaufen Sie Fleisch, Innereien, Knochen usw. und füttern Sie es Ihrem Tier. Probieren Sie ruhig ein wenig herum. Was frisst Ihr Tier am liebsten und in welcher Konstistenz? Was bekommt ihm besser, was weniger gut?

Ihr Verstand sagt Ihnen auch, dass Ihr Tier nicht Tag für Tag das selbe Futter fressen möchte. Genauso wie Sie sicherlich auch Abwechslung in Ihren Speiseplan bringen, bringen Sie diese auch in den Futterplan Ihres Tieres. Mit dieser Abwechslung minimieren Sie gleichzeitig die Gefahr einer längerfristigen Unter- oder Überversorgung mit einem oder mehreren Nährstoffen.

Beobachten Sie Ihr Tier! Sie als Halter sind am besten in der Lage zu erkennen, wenn es Ihrem Tier an irgendetwas mangelt, lange bevor sich irgendwelche körperlichen Symptome zeigen. Kramen Sie dann rechtzeitig in Ihrem Grundwissen über die Ernährung Ihres Haustieres und seine Bedürfnisse und überprüfen Sie die Rationsgestaltung dahingehend. Dann können Sie rechtzeitig dagegen steuern, ohne dass es zu Schäden für die Gesundheit Ihres Tieres kommt.

Gerade die zuletzt genannten Voraussetzungen: Abwechslung, gesunder Menschenverstand, ein wenig Grundwissen und Beobachtungsgabe gelten nicht nur für Rohfütterer, sondern sie gelten selbstverständlich auch für jede anderer Form der Fütterung. Wenn Sie sich dies vor Augen führen, werden Sie merken:

Rohfütterung ist nicht schwieriger als die Fütterung mit industriellem Fertigfutter!

Über Peter Alm (13 Artikel)
Hinter Pommernschaf verstecke ich mich, Peter Alm: Tierheilpraktiker, Ernährungsberater für Hunde und Katzen, Autor und gemeinsam mit meiner Frau Isabelle Verleger und Herausgeber der Zeitschrift "dubarfst", sowie Administrator der gleichnamigen Community.

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