Ein Paradoxum

Vielen von Ihnen wird der allgemeine Medienaufschrei noch in den Ohren liegen, als bekannt wurde, dass Tiermehl in großem Stil an Kühe und andere Pflanzenfresser verfüttert  wurde. Schuld an dieser Praxis war neben dem allgemeinen Profitstreben der Agrarindustrie auch ganz klar die Allgemeinheit der Konsumenten, welche immer preiswertere Lebensmittel einforderten. Weder die eine, noch die andere Seite war sich dabei der möglichen Konsequenzen für Mensch und Tier wirklich bewusst und wenn doch, wurden diese Bedenken nur all zu schnell beiseite geschoben. Erst im Zuge der BSE-Krise und den damit verbundenen Ängsten der Bevölkerung vor einer Übertragung auf den Menschen und den daraufhin folgenden Umsatzeinbrüchen der Agrarindustrie rückte diese Fütterungspraxis in den Vordergrund und die Politik reagierte letztendlich mit einem Verbot der Verfütterung tierischer Proteine an Pflanzenfresser.

Kühe dürfen wieder Pflanzenfresser sein. Die Fütterung von tierischen Proteinen an Pflanzenfresser wurde aufgrund des BSE-Geschehens verboten. © gd - pixelio.de Kühe dürfen wieder Pflanzenfresser sein. Die Fütterung von tierischen Proteinen an Pflanzenfresser wurde aufgrund des BSE-Geschehens verboten. © gd - pixelio.de

Jede Tierart ist von Natur aus auf eine bestimmte Ernährungsweise eingerichtet. Dies geschah nicht von heute auf morgen, sondern im Laufe von mehreren tausend Jahren. Hunde, Katzen und Frettchen beispielsweise sind von der Natur auf die Ernährung von Beutetieren und somit von tierischem Protein und Fetten spezialisiert worden. Kühe hingegen sind Pflanzenfresser und somit auf die Verwertung pflanzlicher Proteine spezialisiert und Schweine wiederum sind Allesfresser, welche sowohl tierische als auch pflanzliche Proteine benötigen.

So wie es mittlerweile allgemein klar ist, dass man Pflanzenfresser nicht mit tierischem Protein ernähren kann, sollte es auch jedem klar sein, dass Karnivoren genau dieses benötigen. Es stellt mehr oder weniger ihre Hauptfutterkomponente dar. Ich frage mich daher, warum Karnivoren nach wie vor mit Getreide und Soja als Hauptfutterkomponenten ernährt werden können, ohne dass sich jemand groß darüber aufregt oder diese Art der Fütterung auch nur öffentlich in Frage stellt. Im Gegenteil! Die öffentliche Meinung ist sich dahingehend mehrheitlich einig, dass Fleisch für Fleischfresser ungesund und gefährlich ist.   Ein Paradoxum?

Nein, ich glaube nicht. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine wirkliche Meisterleistung der Futtermittelindustrie. Sie hat es geschafft in den gut 40 Jahren seit der Einführung des ersten Trockenfutters durch den Tierarzt und Begründer von Royal Canin, Jean Cathary, die öffentliche Meinung derart geschickt zu manipulieren und in einem großen Teil der Bevölkerung Ängste und Vorurteile gegen die ursprüngliche (natürliche) Ernährungsweise von Kanivoren zu schüren, dass diese Art der Ernährung unserer Hunde und Katzen meist nicht mehr in Frage gestellt wird. Betrachtet man sich die Aussagen in den diversen Artikeln großer Hunde- und Katzenzeitschriften, in den Werbeflyern und der Werbung der Futtermittelindustrie, aber auch auf vielen privaten Internetseiten, in Internetforen und Mailinglisten, so kann man diese Ängste verstehen und nachvollziehen. Überall wird vor der Rohfütterung und deren Folgen für die Gesundheit unserer Hunde und Katzen durch Fehlernährung und Übertragung von Krankheitserregern gewarnt. Durch die immense Informationsflut werden diese Aussagen jedem Tierhalter immer und immer wieder eingehämmert, daher die starke Verbreitung unter den Tierhaltern.

Entgegen kam den Industriellen dabei die allgemeine Bequemlichkeit vieler Tierhalter, der Zeitdruck, unter dem diese in unserer heutigen Zeit oftmals stehen und vor allem die Flexibilität des tierischen Organismus, der es über eine sehr lange Zeit schafft, auch aus eigentlich ungeeigneten Futtermitteln noch weitgehend ausreichend Nährstoffe zur Verwertung und somit zur Erhaltung seiner Körperfunktionen zu ziehen. Darüber hinaus unterliegen sowohl die Futtermittelindustrie, wie auch viele Tierärzte und der Großteil der Verbraucher dem überaus fatalen Irrtum, dass sich die Ernährung (egal ob die Ernährung von Mensch oder Tier) auf eine entsprechende Zusammensetzung von Inhaltsstoffen, wie etwa Proteinen, Lipiden und Kohlenhydraten reduzieren ließe. Die BSE-Krise ließ hier zumindest bezüglich der Verfütterung von Tiermehl an Pflanzenfresser Politiker und Verbraucher aufhorchen und entsprechend reagieren. Bedauerlicherweise ist ein wünschenswertes Weiterdenken bezüglich der weiteren Ernährungspraktiken in der Landwirtschaft und im Hobbytierbereich unterblieben. Sehr zum Leidwesen der Tiere.

Dabei bedarf es meiner Meinung nach noch nicht einmal der Einführung neuer Gesetze, um entsprechend zu reagieren. Schon das deutsche Tierschutzgesetz ist hier eindeutig und sollte endlich einmal entsprechende Beachtung finden:

Zweiter Abschnitt
Tierhaltung
§ 2

Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,

2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

 

Eine rigorose Durchsetzung allein dieses Paragraphen würde die Futtermittelindustrie unweigerlich dazu bringen, ihre heutigen Praktiken zu überdenken und entsprechend konzipierte, tiergerechte Futtermittel herzustellen. Es gibt ja durchaus einige Hersteller, welche dies auch heute schon tun.

Der zukünftige Tierbesitzer wäre schon im Vorfeld gezwungen sich mit den Bedürfnissen seines zukünftigen Begleiters auseinander zu setzen und sich entsprechendes Wissen an zu eignen. Gefährlichem Halbwissen und blindem Vertrauen auf die Aussagen der Hersteller würde damit ein Riegel vorgeschoben werden. Letztendlich ist es auch der Tierhalter in seiner Funktion als Verbraucher, der die Futtermittelindustrie mit seinem Kaufverhalten zu einem Umdenken bewegen kann.

Über Peter Alm (13 Artikel)
Hinter Pommernschaf verstecke ich mich, Peter Alm: Tierheilpraktiker, Ernährungsberater für Hunde und Katzen, Autor und gemeinsam mit meiner Frau Isabelle Verleger und Herausgeber der Zeitschrift "dubarfst", sowie Administrator der gleichnamigen Community.

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